Weniger arbeiten und schöner leben mit der 30-Stunden-Woche

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Die Profite der Reichen steigen seit Jahrzehnten viel stärker als die Löhne der Arbeitenden. Von einem immer größeren Reichtum sehen die meisten immer weniger. Jetzt sollen wir mit Forderungen wie einem 12-Stunden-Tag überhaupt zurück ins 19. Jahrhundert. Dabei ist es längst an der Zeit, dass wir endlich weniger arbeiten und nicht immer noch mehr.

Mit Schreckensmeldungen wie „Arbeitszeitverkürzung ist und bleibt ein Irrweg“ oder „Arbeitszeitverkürzung: Die Rechnung geht nicht auf“ machen Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer Stimmung gegen die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit in Österreich. Sie warnen vor negativen Effekten wie steigender Arbeitslosigkeit und sinkendem Wirtschaftswachstum. Kein Wunder, dass die Vertreter_innen der Unternehmer_innen die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung als massive Bedrohung ihrer Interessen wahrnehmen – stellt die Arbeitszeitverkürzung doch grundlegend den Vorrang der Profitlogik in Frage, den sie überall durchgesetzt sehen wollen.

Flexibilisierung in der Offensive, Gewerkschaften in der Defensive

Die Arbeiter_innenbewegung wehrte sich schon ab dem späten 19. Jahrhundert gegen die Verlängerung des Arbeitstags. Sie erkannte: Wenn wir länger arbeiten, gewinnen nur die Reichen. Tatsächlich stellt die Verlängerung des Arbeitstags eine wichtige Möglichkeit dar, um die Profite von Unternehmen auf Kosten der Arbeitenden zu erhöhen. Auch heute wird uns von Arbeitgeber_innen die Flexibilisierung der Arbeitszeit als Zugewinn an Freiheit und Selbstbestimmung verkauft. In Wirklichkeit ist es jedoch ihr Ziel, den Arbeitstag Schritt für Schritt zu verlängern.

In Österreich werden seit den 1990er-Jahren sozialpartnerschaftlich ausgehandelte Flexibilisierungen umgesetzt, die letzte gesetzliche Verkürzung der Wochenarbeitszeit fand hingegen in den 1980er-Jahren statt. Gewerkschaften befinden sich in puncto Arbeitszeit in der Defensive, sie versuchen den Status Quo zu verteidigen. Doch das reicht nicht. Hohe Arbeitslosigkeit bei einem gleichzeitigen Rekord an Überstunden, psychische und körperliche Krankheiten aufgrund langer Arbeitszeiten und die ungleiche Verteilung von Arbeit machen deutlich: Es ist höchste Zeit, dass wir uns organisieren und Arbeitszeitverkürzung erkämpfen.

Arbeit ist ungerecht verteilt

Arbeit ist in unserer Gesellschaft extrem ungerecht verteilt: Frauen verrichten noch immer den Großteil der unbezahlten Haus- und Familienarbeit. Sie arbeiten daher oft Teilzeit, was sich negativ auf ihr Einkommen, ihre Pensionen und soziale Sicherungsleistungen auswirkt. Arbeit ist hierzulande nicht nur nach Geschlecht, sondern auch nach Herkunft geteilt. In Österreich pflegen vor allem Migrantinnen aus Osteuropa ohne Rechte und gegen wenig Geld, dafür aber in hoher Abhängigkeit ältere Menschen.

Rassistische und sexistische Arbeitsteilung und Ausbeutung werden sich nicht alleine durch Arbeitszeitverkürzung lösen lassen. Kämpfe um eine Verkürzung der Arbeitszeit bieten jedoch die Chance, über eine grundlegende Neuorganisierung von Arbeit nachzudenken und sich mit Kämpfen gegen rassistische Diskriminierung und für die Gleichberechtigung der Frauen zu verbünden.

Wir haben genug Anderes zu tun!

Weniger Erwerbsarbeit bedeutet mehr Zeit für die wirklich schönen Dinge im Leben. Für jede_n wird das etwas Anderes sein. Mit einer 30-Stunden-Woche können manche endlich mehr Zeit mit ihren Freund_innen oder ihrer Familie verbringen, ihren Hobbies nachgehen, eine neue Sprache oder Sportart erlernen. Andere wollen sich vielleicht verstärkt politisch oder ehrenamtlich engagieren, wieder andere werden das Bedürfnis verspüren, sich zu erholen und einfach mal nichts zu tun.

Nachdem sich unser Lebensmittelpunkt bis jetzt auf Erwerbsarbeit konzentriert hat, besteht nach erkämpfter Arbeitszeitverkürzung die Gefahr des Rückzugs und der Isolierung. Damit bei der Gestaltung freigewordener Zeit nicht jede_r auf sich allein gestellt ist, braucht es gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie alternative Wohnformen, Gemeinschaftsräume, kostenlose Freizeitangebote und Kinderbetreuung oder flächendeckende Mobilität durch den Ausbau von öffentlichem Verkehr. Damit eine 30-Stunden-Woche nicht mit Arbeitsverdichtung, Jobabbau oder finanziellen Einbußen einhergeht, sind Lohn- und Personalausgleich unverzichtbar.

Eines steht jedenfalls fest: Während Unternehmer_innen und Industrielle Arbeitszeitverkürzung als Irrweg bezeichnen, ist sie für die breite Bevölkerung Teil des Auswegs aus dem Elend des Kapitalismus – hin zu einer Gesellschaft, in der es um das Wohl von uns allen geht, nicht um die Profite der Reichen.

Tipp zum Weiterlesen: Für unsere neue Wahlzeitung „Volksstimme+“ haben wir ein Interview mit dem Soziologen Jörg Flecker geführt. Auch Flecker meint: „Arbeitszeit muss umverteilt werden.“ Das Interview ist hier auf Seite 17 zu finden.

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