„Katzenjammer ist keine politische Einstellung“: Flora Petrik im Portrait

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Flora Petrik hat als Bundessprecherin der Jungen Grünen mit ihrer Kritik an den Grünen für Aufsehen gesorgt. Heute kandidiert sie als Listenzweite für KPÖ PLUS. Im Portrait erzählt Flora von ihren ersten Politisierungsmomenten, ihren politischen Herzensthemen und ihren gesellschaftlichen Visionen.

„Ein Ministerium für gesellschaftliche Umbrüche“ würde sie einrichten, wenn sie eines einsetzen müsste. Ein Ministerium also, das Themen wie Arbeit und Bildung grundsätzlich behandelt, das nicht bloß Alternativen im, sondern zum kapitalistischen System diskutiert. Ein weiterer Schritt, um zusammen mit den Menschen Perspektiven für eine bessere Welt zu wälzen. Da gehört die ideale Schule dazu. Dafür hat Flora Petrik bereits jede Menge Überlegungen angestellt, nicht nur aus eigener Erfahrung am Eisenstädter Gymnasium, sondern auch als Studentin der Bildungswissenschaft und Germanistik.

Lichtermeer

Gleichheit und Gerechtigkeit sind Themen, die in ihrem Leben immer groß geschrieben wurden. Nicht nur ihre Eltern, auch ihre Großmutter hat ihr das vermittelt. Als damalige Präsidentin der Katholischen Aktion Österreichs (KAÖ) hatte Eva Petrik das „Lichtermeer“ gegen das fremdenfeindliche und rassistische FPÖ-Volksbegehren „Österreich zuerst“ mitorganisiert; und zum Protest gegen Schwarz-Blau trat die langjährige Wiener Landtagsabgeordnete im Jahr 2000 aus der ÖVP aus. Haltung zu zeigen und für Schwächere einzutreten, bewundert Flora an ihrer Oma.

Sie selbst hat ihre ersten Politisierungsmomente im Burgenland erlebt, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Das Gefühl, nicht selbstbestimmt und unabhängig von einem Ort zum anderen zu kommen, weil es keinen öffentlichen Verkehr gibt, und die Schikanen der Stadtregierung in Eisenstadt gegen BettlerInnen und junge Leute im öffentlichen Raum, prägten sie nachhaltig. Schnell war für Flora klar: Wer etwas ändern will, muss sich mit vielen Gleichgesinnten zusammentun und anpacken. In erster Linie geht es ihr darum, Menschen durch Politik zu ermächtigen. Dafür müsse die Linke die Verantwortung übernehmen. Denn, so ihr Lieblingszitat, „Katzenjammer ist keine politische Einstellung“.

Gesamtschule

Auch im Schulsystem braucht es für Flora neue linke Konzepte. Denn momentan ist Schule weder gerecht noch auf die Bedürfnisse der SchülerInnen zugeschnitten. In verschiedenen Studien, die sie als Tutorin am Institut für Bildungswissenschaft mitbetreut, wird erforscht, wie die Übergänge zwischen verschiedenen Schulformen im österreichischen Schulsystem organisiert sind. Vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund gestaltet sich etwa der Übertritt von der Volksschule ins Gymnasium viel schwieriger.

Dieser strukturellen Diskriminierung, die sich auf die Lebenschancen der Betroffenen insgesamt auswirkt, sollte durch eine Gesamtschule begegnet werden. Zu diesem Thema hat Flora bereits als Co-Gründerin der Jungen Grünen im Burgenland Diskussionsveranstaltungen auf die Beine gestellt. „Wir brauchen eine Schule, in der Lernen Spaß macht und Kinder nicht unter enormen Druck und Stress leiden müssen. Und eine Schule, wo die SchülerInnen ohne Hausaufgaben nach Hause gehen können. Gutes Lernen darf nicht davon abhängig sein, ob Eltern Zeit haben, mit ihren Kindern Mathematik-Formeln durchzurechnen oder  eine teure Nachhilfestunde zahlen können.“

Perspektiven

Das freudige Diskutieren und demokratische Aushandeln war bereits zuhause in Kleinhöflein nahe Eisenstadt ebenso selbstverständlich wie Protestveranstaltungen gegen die elterliche Autorität. Ihre erste Demonstration organisierte Flora mit ihren beiden jüngeren Geschwistern in der Küche, und man setzte Strandurlaub statt Bauernhof durch. Heute hat Flora Gelegenheit, selbst die andere Seite des Protests kennenzulernen, nämlich als Babysitterin von drei Kindern.

Ihren Lohn verdient Flora zurzeit außerdem als Studienassistentin sowie als Moderatorin bei Filmfestivals. Angesichts der Umbrüche in der Arbeitswelt, wo zunehmende Automatisierung zwar mehr Wohlstand ermöglicht, aber de facto zu Arbeitslosigkeit führt und Burn-Outs noch vorantreibt, setzt sie sich auch hier für eine Neuordnung ein: „Niemand soll bis zur Erschöpfung arbeiten, während andere zur Arbeitslosigkeit verdammt sind.“ An der Frage, wie Arbeit in Zukunft gesellschaftlich organisiert wird, misst sich der Erfolg einer linken Partei.

Berufspolitikerin zu werden, kam Flora bislang nicht in den Sinn; allerdings würde sie sich wohl überall einmischen, wo es etwas zu verändern gäbe – sei es als Betriebsrätin oder vor Ort im Grätzel auf der Wieden. Denn, so Flora: „Wenn wir dem Rechtsruck etwas entgegen setzen wollen, müssen wir Leute vor Ort davon überzeugen, dass eine bessere Gesellschaft möglich ist. So unwahrscheinlich das für viele auch in Anbetracht aller Ungerechtigkeiten und Sauereien in dieser Welt ist. Wir müssen die Herzen und Köpfe der Leute gewinnen.“

TV- und Buchtipps:

Bingeviewing-Tipp:
Flora: „Orphan Black: Es geht um Klone, die getrennt voneinander aufwachsen. Die Serie behandelt die Frage, was uns ausmacht: Gene oder Erziehung, Natur oder Bildung – nature or nurture?“

Buchtipp zur Nationalratswahl: Bis zur Nationalratswahl sind es nur noch wenige Tage. Welches Buch sollte man lesen, das bei der Entscheidung helfen könnte? 
Flora: „Die Abstiegsgesellschaft: Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ von Oliver Nachtwey 

Video-Porträt von Flora

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